Verantwortlichkeit und Solidarität im Klassenkampf
Es ist über 100 Jahre her, daß der anarchistische Historiker Max Nettlau in einem Vortrag unter dem Titel "Responsability and Solidarity in the Labour Struggle", gehalten im Londoner Freedom Discussion Club, der Arbeiterbewegung empfahl, sich den Kampf gegen gesellschaftlich schädliche und unnütze Arbeit auf die Fahnen zu schreiben. Die gesellschaftlichen Zustände, die er dabei vor Augen hatte, können heute, jedenfalls in Mitteleuropa, großenteils als über überwunden gelten. Doch die dem Kapital eigene Maß- und Rücksichtslosigkeit hat die asozialen Eeffekte der Lohnarbeit nur verfeinert, verlagert und globalisiert. Deshalb haben Nettlaus Gedanken nichts von ihrer Aktualität und Sprengkraft verloren. Wir dokumentieren seinen Vortrag in wesentlichen Auszügen mitsamt seinem verbitterten Nachwort zur deutschen Erstveröffentlichung im Jahre 1922.
Aus: Max Nettlau: Verantwortlichkeit und Solidarität im Klassenkampf (1899) Nachdruck der deutschen Erstveröffentlichung von 1922 durch ed. Robin Hood, ca. 1980:
(...) Der Fortschritt der Arbeiterbewegung scheint sich verzweifelt langsam zu entwickeln. Ideen, die uns so klar, so selbstverständlich und annehmbar erscheinen, stoßen oft auf eine so ungeheure Menge von Vorurteilen und Gleichgültigkeit, daß es zweifelhaft erscheint, ob die großen Massen sie jemals bewußt und ernsthaft sich zu eigen machen werden, wenn sie nicht tatsächliche Veränderungen oder Versuche in größtem Maßstabbe vor sich sehen. Und selbst, wo derartig eindringliche Versuche schon in gewissem Maße bestehen, wo z.B. die Solidarität auf wirtschaftlichem Gebiete nicht nur durch Propagierung fortschrittlicher Ideen, sondern durch direkte materielle Vorteile, wie klein sie auch immer sein mögen – wie in dem Fall der Gewerkschaft und Genossenschaft – demonstriert werden, werden die wirklichen Mssen nicht in enge Berührung mit ihnen kommen, selbst nicht nach einem Jahrhundert der Agitation und Propaganda.
Ob diese pessimistische Ansicht berechtigt ist oder nicht, so wird doch die Notwendigkeit und Möglichkeit, neue Mittel zu finden, die die Position der Arbeiterklasse stärken, nicht bestritten werden; und viele dauernde und zeitweilige Aktionsmittel sind vorgeschlagen und sogar ausprobiert worden während der letzten Jahre: Der Generalstreik, der Militärstreik, der internationale Grubenarbeiterstreik, der Aufmarsch der Arbeitslosen oder Streikenden in den Hauptstädten (in Amerika und neuerdings in Frankreich), Sabotage usw. Auch sind Versuche gemacht worden, die organisierte Arbeit der Arbeiterklassen als Produzenten und Konsumenten für die direkte ökonomische Aktion zu verwenden und zwar in der Verbindung von Gewerkschaften und Konsumgenossenschaften, kooperativen Siedlungen, Arbeitsaustausch (der amerikanische Ausdruck für den direkten Austausch der Arbeitsprodukte) usw. Und auf jener Linie liegen auch die Mittel, die ich hier vorschlagen will. Die Anarchisten können sich diesen gegenüber nur verhalten wie zu den soeben erwähnten, nämlich wenn möglich, sie praktisch unterstützen, jedoch ohne Abweichung von der Propaganda unserer vollen und letzten Ziele, des freien Menschen in freier Gesellschaft. (...)
Noch ehe ich weiter auf den Gegenstand meiner Untersuchung eingehe, muß ich meine Anschauung bezüglich zweier Punkte niederlegen, in denen ich, wie ich glaube, einen ketzerischen Standpunkt hinsichtlich des üblichen wirtschaftlichen Glaubensbekenntnisses einnehme, ganz gewiß aber tue ich das hinsichtlich der in der Agitation üblichen Argumente. Meine späteren Schlußfolgerungen werden auf diese beiden Punkte aufgebaut werden.
Einer beschäftigt sich mit dem, das "Öffentlichkeit" und "öffentliche Meinung" genannt wird, und meine Meinung ist, daß dieser Faktor in Arbeiterkämpfen bisher zu wenig in Betracht gezogen worden ist. Die organisierten Arbeiter eines Industriezweiges oder Gewerbes kämpfen für die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage. Die Unternehmer wehren den Streik durch eine organisierte Aktion ab und können durch erfolgreiche Streiks oder durch die Macht einer starken Gewerkschaft gezwungen werden, den Arbeitern Konzessionen zu machen. Aber die Konsumenten der Produkte dieses Industriezweiges oder Gewerbes, die in der Regel überhaupt nicht organisiert sind, tun nichts, das ihre Interessen wahrnehmen könnte und ihnen Produkte zu dem möglichst niedrigen Preise verschaffen könnte, und so ist es dann nur natürlich, daß die Kapitalisten die Lasten jener Konzessionen, die sie den Arbeitern machen müssen, auf das kaufende Publikum abwälzen. Soweit ich weiß, nehmen die Arbeiter an dieser letzten Auswirkung ihres Kampfes kein Interesse. So schnellen denn die Preise empor oder die Produkte werden minderwertig, und das Publikum, die Öffentlichkeit, als der schwächste Teil, trägt die Kosten der Konzessionen, die die Arbeiter dem Kapital abgerungen haben.
Nun, was ist "Öffentlichkeit", wer ist das? Alle Verbraucher selbstverständlich, aber für den hier behandelten Zweck kann ich sie in zwei Klassen teilen, in jene, die ein großes Einkommen haben und für die die Preisschwankungen der Produkte keine ernsthaften Schwierigkeiten bilden (und diese dürfen wir hier ganz außer Betracht lassen) und in die ungeheure Masse jener Menschen mit kleinem Einkommen, denen die geringste Preissteigerung ein ernsthaftes Hemmnis ihrer Lebensführung bedeutet. Gewiß, eine beträchtliche Anzahl dieser Konsumenten mögen als überzeugte Sozialisten oder Anarchisten oder aus instinktivem Gefühl der Solidarität und Liebe zur Gerechtigkeit, die sie zur Basis unserer Hoffnung auf eine hellere und schönere Zukunft macht, diese neue Last, das Endresultat der Kämpfe ihrer Mitarbeiter, mit leichtem Herzen ertragen; aber ich weiß, ich würde mich selbst betrügen, wollte ich meinen Augen die Tatsache verschließen, daß die große Masse, die unberührt ist von fortschrittlichen Ideen und edlen Gefühlen (wenn das nicht der Fall wäre, wie könnte sie denn die bestehende Gesellschaftsordnung ertragen?) keine Sympathie für die organisierte Arbeiterschaft in solchen Fällen fühlt und sich indifferent, teilnahmslos, wenn nicht voreingenommen oder sogar feindlich benimmt. (...)
Darum wäre es nützlich, wenn Mittel gefunden würden, durch welche die gesamte Öffentlichkeit (die Masse der Arbeitenden) nicht nur gefühlsmäßig, sondern materiell an jedem Streik interessiert wäre wie die Streikenden selbst. Wenn die Öffentlichkeit einmal ernsthaft am Streik interessiert ist, dürfte ihre Hilfe ganz enorm sein; ganz abgesehen von der Sympathie und Unterstützung kann sie jene mächtige Waffe führen: ich meine den Boykott.
Das ist der erste der zwei Punkte.
Der zweite Punkt meiner ketzerischen Meinungen betrifft die Verantwortlichkeit der Arbeiter für die Arbeit, die sie leisten. Diese Verantwortlichkeit wird gegenwärtig überhaupt nicht anerkannt. Es ist üblich, einen Mann als ehrlichen Arbeiter zu betrachten, wenn er für einen Lohn arbeitet, ganz abgesehen davon, was er tut. Es gibt kaum irgendeine Beschäftigung, die in tatsächlicher Weise vermieden und verabscheut würde und so Menschen, die sie ausüben, ernsthaft beschämte – gemein und infam, wie die Beschäftigung auch immer sei.
Abgesehen von dem drastischen Beispiel der vielen Anwärter für einen Henkersposten (wir lesen manchmal, daß viele Personen aller Beschäftigungszweige, aus dem Arbeiterstande und der Mittelklasse sich darum bewerben), ist es nicht für viele die Höhe ihres Ehrgeizes, Schutzmann zu sein? Und werden sowohl Schutzleute wie Soldaten nicht in gewisser Ausdehnung von unwissenden Weibern, vom Volke, armen Dienstmädchen und Köchinnen unterhalten? Sodaten, die in England sich freiwillig stellen, wissen genau, daß ihre gwöhnliche Beschäftigung nicht die Verteidigung ihres Landes ist, das ja von niemand angegriffen wird, sondern die Unterdrückung von Aufständen armer, schlechtbewaffneter Eingeborener, und sie wissen, daß es ihre Aufgabe ist, solches so erbarmungslos wie möglich zu tun, um Aufstände und Rebellionen im Keim zu ersticken. Junge Männer schämen sich nicht, sich einer unaufhörlichen Polizei- und Henkersarbeit hinzugeben, noch schämen die Mengen des Volkes sich, in Freundschaft zu leben mit Soldaten. Auch besteht niemals Mangel an Gerichtsboten, Pfändungsvollstreckern, Zolleinziehern, Güterschlächtern usw. Die sogenannte öffentliche Meinung, die soviel von Menschlichkeit und Zivilisation redet, scheint diese Feinde und ihre Werkzeuge in unserer Mitte ganz zu übersehen, und wenn sie sie sieht, ist es nur, um sie zu bemitleiden, um zu sagen, es ist nicht ihre Schuld.
Mehr noch! Während dieser Abschaum der Menschheit sich bei den meisten Menschen einer geringen Beliebtheit erfreut, gibt es geradezu schändliche Gewerbe und Beschäftigungen, die von viel größeren Körperschaften ausgeführt werden, gegen die niemand Einwendungen zu erheben scheint. Ich meine die ungeheuren Massen von Arbeitern, die durch ihrer Hände Arbeit minderwertige Häuser aufbauen, minderwertige Kleider erzeugen, minderwertige Nahrung herstellen und vieles andere mehr produzieren, das das Leben degradiert, den Geist und Körper ihrer Mitmenschen bedrückt und herunterbringt. Wer hat die Mietskasernen, die scheußlichen Höhlen in den großen Städten aufgebaut, und – was noch schlechter ist – wer erhält sie durch Scheinausbesserungen und Reparaturen in einem Zustand, der ihre unaufhörliche Ausbeutung ermöglicht? Wer produziert Schundkleidung, die abscheulichen Nahrungsmittel und Getränke, die nur die Armen kaufen? Wer preist sie dem Publikum, den Armen an, nachdem andere sie äußerlich glänzend übertüncht haben (soweit man sich diese Mühe überhaupt noch macht), wer preist sie durch Überredung, falsche Angaben und Lügen an? Alles dies tun (wenn auch unzweifelhaft inspiriert durch Kapitalisten, die einzig und allein Vorteile daraus ziehen) große Zweige hart arbeitender, angesehener und gut organisierter Bauberufe, Textilgewerbe und Handelsformationen. Es ist abstoßend und empörend, und wir können keine Entschuldigung dafür finden, wenn wir nirgends Bemühungen sehen, diese Tatsachen anzuerkennen, und noch weniger, sie zu beseitigen.
Überall begegnen wir der indifferenten Antwort: Ich muß es tun! Ich kann mir meine Arbeit nicht aussuchen! Wenn ich sie nicht mache, macht sie sonst jemand. Ich verdiene nichts daran. Ich würde lieber eine wirklich nützliche Arbeit verrichten. Aber ich bin nicht verantwortlich dafür: die Verantwortlichkeit trägt der Unternehmer, der mich solche Arbeit tun heißt!
Unsere Meinung ist, so lange wie diese ausweichende, feile Entschuldigung allgemein anerkannt wird, so lange wird uns keine hellere Zukunft erstehen. Auf Grund dieser Ansicht wird es den Kapitalisten immer möglich sein, die eine Hälfte der Arbeitrenden zu kaufen, um die andere Hälfte zu unterdrücken. (...)
Das ist es, was ich die Verantwortlichkeit des Arbeiters für das, was er schafft, nennen will. Und was wir weiter sagen, ist, daß der Mangel dieses Verantwortlichkeitsgefühls sowohl die Arbeiter wie auch ihre Opfer degradiert. Niemand wird ableugnen, daß Polizisten und Soldaten durch ihre berufsmäßige Menschenjagd, durch Verrat und Mord, den sie begehen, verrohen und versinken. Und ich zögere nicht, zu behaupten, daß dasselbe mit jenen Arbeitern geschieht, die Handwerke und Gewerbe ausüben, die auf Betrug basiert sind. Man betrachte beispielsweise den Arbeiter, der angeblich Röhren und Entwässerungen repariert und in Wirklichkeit doch niemals derartiges tut, oder den Verkäufer, der seine Tage damit zubringt, Leuten Dinge aufzureden, die sie gar nicht haben wollen, die der Ladeninhaber los sein will, weil sie ihm den höchsten Profit bringen, oder weil sie dem Verderben ausgesetzt sind. Ich glaube nicht, daß der Charakter dieser Männer – ehrlich, arbeitsfreudig und gutherzig, wie sie am Anfang auch sein mögen – sich im Laufe der Zeit verbessert. Eher ist anznnehmen, daß er verhärtet und gleichgültig wird als frei und begeisterungsfähig. In gleicher Weise können die Massen von Produzenten minderwertiger und indifferenter Waren kaum Interesse an ihrer Hände Arbeit haben. Aber niemand kann ohne Interesse an seiner Arbeit leben, ohne daß seine Fähigkeiten abstumpfen, sein Intellekt sich vermindert und er letzten Endes unfähig wird, die Ideen von Freiheit und Empörung zu erfassen. Wieviel weniger wird er danach handeln können! (...)
So muß jedermann ein Opfer dieses Übels werden, denn die Verüber unsozialer Handlungen werden immer selbst die Opfer. Alle Arbeiter verabscheuen Spione und Spitzel; die meisten von ihnen verabscheuen Streikbrecher; bis dieses Gefühl der Abneigung nicht ausgedehnt worden ist auf alle, die unsoziale Arbeit, Arbeit, die schädlich für die Mitmenschen ist, verrichten, bis zu der Zeit sehe ich keine Hoffnung für die Zukunft.
Das ist der zweite Punkt meiner einleitenden Bemerkungen, und so sind wir denn bei dem eigentlichen Thema angelangt, das ich um so kürzer behandeln kann, da die Begriffe durch obige Bemerkungen geklärt sind.
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Ich habe die Form einer Aktion finden wollen, die große Massen des Volkes zu einem Begriff und einer Erkenntnis von wirklicher und ernsthafter Vereinigung der untrennbaren Gefühle menschlicher Würde, Freiheit und Solidarität führen würde.
Und ich glaube, eine derartige Aktionsform ist erreichbar, wenn die soeben angesprochenen Elemente in gehöriger Weise vereinigt und angewendet würden. Nämlich: Die Notwendigkeit, die gesamte Öffentlichkeit (die Massen der Arbeiter) ökonomisch in gleicher Weise am Streik zu interessieren wie die Streiker selbst – und die Notwendigkeit des Verantwortungsgefühles der Arbeiter für das, was sie produzieren! (...)
Die Umrisse derartiger Mittel liegen meiner Meinung nach für die Arbeiter in der Verweigerung jener Arbeit, die dem gesamten Volke schädlich ist; stärken könnten sie ihre Position dadurch, daß sie den Betrug, der an den Massen des Volkes geübt wird, klar und einfach bloßstellen. Und für die Öffentlichkeit liegen sie in der Unterstützung solcher Bewegungen, in aktiver Sympathie mit Streiks, die auf solcher Basis geführt werden – und dem Boykott. Solche Streiks dürften mit einem Gewinn sowohl für die betreffenden Arbeiter wie auch für die Öffentlichkeit enden. Und die Kosten solcher Streiks hätten tatsächlich die Kapitalisten zu tragen; sie würden ihren Profit reduzieren. Gewiß werden derartige Streiks nicht die Grundfesten der bestehenden Ordnung zerstören können; kein Streik kann das, wenn er nicht die entschlossene Ablehnung der Arbeit für andere ist: der Generalstreik, die soziale Revolution. Aber Streiks solcher Art können die Arbeiterklassen fester aneinander gliedern, als sie es heute sind. Die Streiks werden ihren individualistischen Charaklter verlieren und zu einer Angelegenheit der Allgemeinheit werden, was sie heute nur durch Gefühlsmomente und das persönliche Empfingen von einigen, nicht aber durch ihre ökonomische Basis sind. (...)
Wenn beispielsweise die organisierten Bauarbeiter sich entschließen würden, keine Mietskasernen mehr anzurühren, weder welche aufzubauen noch zu reparieren und sie gleichzeitig der Öffentlichkeit den hoffnungslos ungesunden Charakter aller Flickarbeit in dieser Richtung klarmachen würden, so bekäme die gesamte Wohnungsfrage einen viel weiteren Sinn, als sie früher trotz aller Versammlungen, Zeitungskampagnen und Komitees gehabt hat. Es ist nicht verwunderlich, daß die breiten Massen des Volkes sich dieser Agitation gegenüber teilnahmslos verhalten haben, sahen sie doch, daß in Wirklichkeit alles seinen alten Gang ging. Ihre Nachbarn machten – soweit sie im Baugewerbe beschäftigt waren – durch ihre lächerlichen Ausbesserungen das Wohnungselend zu einem Dauerzustand, während sie selbst vielleicht im Ernährungsgewerbe beschäftigt waren und sie ihrerseits den Maurern, Bauarbeitern usw. giftige Stoffe zum Essen und Trinken lieferten. Einer schneidet dem andern die Kehle durch, und die Kapitalisten geben die Direktive hierzu. Wenn Hausruinen zuletzt doch verdammt werden, so wird das weder getan von den Leuten, die die Häuser bewohnen, noch von den Arbeitern, die sie ausbessern, sondern von Autoritäten der Gesundheitspflege, die in Solidarität mit den reichen Klassen handeln, um sie durch Vernichtung der Krankheitsherde vor Ansteckung zu bewahren. Eigene Initiative und Selbstachtung sind wenig bekannt unter den Opfern des bestehenden Gesellschaftssystems, und keine Bemühung sollte unterbleiben, die sie hervorrufen könnten. Das Verantwortungsgefühl ist eines der Mittel, das zu diesem Ziele führen könnte.
Wenn die Baugewerbe von London sich entschließen würden, keine Hand mehr an die ungeheuren Gebite der Armenviertel im Osten und Süden Londons zu legen, so würden mit einem Schlage nicht nur die Fragen der Wohnungsnot, sondern auch die des Grundbesitzes an der Tagesordnung stehen. Die Antwort der Öffentlichkeit würde der Schrei: "Keine Miete!" sein. Und die Handlungsangestellten ihrerseits könnten dadurch helfen, daß sie sich weigern, jene abscheulichen Nahrungsmittel, die sie heute ausbieten, weiter zu verkaufen. (..)
Oder würden die Handlungsgehilfen nicht viele ihrer aufgestellten Forderungen gewinnen, wenn sie sich ernsthaft entschließen würden, es als unehrenhaft zu betrachten, dem Publikum Lügen zu sagen, würden sie so nicht schneller und direkter zum Ziele kommen als durch den Versuch, durch den Verkauf großer Quantitäten ihre Stellung zu halten oder zu verbessern? Das Publikum würde ihnen selbstverständlich beistehen. Jene hartnäckigen Ladeninhaber mit ihren minderwertigen verdorbenen Nahrungsmitteln würde es boykottieren. Es ist wirklich schwer für das Publikum, mit der Arbeiterklasse, wie sie heute ist, Sympathie zu haben: wir mögen ihre lange Arbeitszeit bedauern und Unannehmlichkeiten, die uns manchmal erstehen, durch frühes Schließen der Ladengeschäfte in guter Laune hinnehmen, aber wir wissen, daß unsere Sympathie den Verkäufer nicht hindern wird, uns statt frischer Nahrungsmittel verdorbene zu verkaufen, wenn es so im Interesse des Ladeninhabers liegt.
Kurz: Als Konsumenten können wir keine Sympathie mit den Werkzeugen der Kapitalisten haben, und da die große Masse in beiden Fällen Arbeiter sind, sind sie geteilt und stehen sich selbst feindlich gegenüber, und nur eine praktische Aktion, gegenseitige Solidarität und Hilfe kann diese bestehende Feindschaft überbrücken; Überredung und Mitgefühl sind auch gewichtige Faktoren, aber in allen Fällen sind sie nicht ausreichend. (...)
Es ist aus dem Vorhergehnden klar, daß mein Vorschlag ein zweifacher ist: die Erziehung eines Verantwortlichkeitsgefühles – und dessen Verwendung für einen sogenannten kollektivistischen Streik im Interesse der Gesamtheit. Wenn dieser zweite Versuch sich als unpraktisch erweisen sollte, bleibt der erste doch bestehen, und müssen andere Mittel gesucht werden, das über alles wichtige Gefühl der Verantwortlichkeit zu erwecken und in Taten umzusetzen. Ich habe das tiefe Gefühl, daß es eines Menschen unwürdig ist, seinen Mitmenschen Schaden zuzufügen, weil der Kapitalist es von ihm verlangt. Die Entschuldigung: "Ich bin nur ein Werkzeug" kann solches Tun niemals rechtfertigen. Für jene, die die gegenwärtige Ordnung anerkennen und die zufrieden sind, Werkzeuge der Kapitalisten und Versklaver ihrer Mitmenschen zu sein, mag es genügen, aber jene andern, die solche unsozialen Handlungen begehen und dennoch das bestehende Gesellschaftssystem ablehnen, sind unbewußt Feiglinge, und sie werden niemals die bestehende Ordnung der Dinge umwerfen. Wir wollen Menschen, die zuerst frei wurden in ihrem Geiste, die es ablehnen, Dinge zu tun, die das Elend und die Sklaverei ihrer Mitmenschen in einen Dauerzustand verwandeln, und die so einen breiten Strom von Sympathie und Solidarität, die die Basis aller zukünftigen Aktionen sein werden, ins Leben rufen.
Eine solche wirtschaftliche Aktion scheint mir Männern, die frei sind, und die die Grundlage ihrer Freiheit in der Freiheit und dem Wohlergehen aller anderen sehen, am nächsten zu liegen. Wenn sie nicht dadurch, daß sie es überhaupt ablehnen, für den Kapitalisten zu arbeiten, der gegenwärtigen Ordnung ein Ende brreiten können, so sollen sie doch auf jeden Fall versuchen, nicht zum Schaden ihrer Mitmenschen zu arbeiten. Und solches sollen sie aus eigener Selbstachtung tun, gleichgültig, ob ihre Solidarität sofort beantwortet wird oder nicht. Das ist anarchistisch: Tun, was wir wünschen, getan zu sehen.
Die alte politische und autoritäre Art und Weise ist die des "Wir waschen unsere Hände in Unschuld"; sie proklamiert diese Dinge als unvermeidlich und verewigt sie so, vertrauend, daß andere etwas tun werden, das wir nicht können oder nicht wollen. (Worte, die sehr oft austauschbar sind!) Da wir dieses Prinzip in der Politik ablehnen, sollten wir es auch in sozialen Dingen in weitestem Sinne verneinen und darum nachdrücklichst die Verantwortlichkeit eines jeden für das, was er tut, betonen.
Ich will nur noch hinzufügen, daß bei der Diskussion dieses Gegenstandes das Wort "Moral" nicht in dem Sinne aufgefaßt werden soll, daß die Arbeiter moralischer werden sollten. In dieser Verbindung habe ich das Wort nicht gebraucht und leicht könnte es mißverstanden werden. Selbstachtung sollen sie bekommen, sollen zum Bewußtsein ihrer Würde kommen und vor allem sollen sie frei werden. Ihr eigenes Gefühl wird ihnen dann eingeben, unsoziale Akte in weitestem Sinne abzulehnen, wie es sie ja auch davor zurückhält, zum Streikbrecher oder zum Spion zu werden. Leicht kann man sagen, erst müsse das kapitalistische System zerstört werden und dann werden wir uns alle diese Eigenschaften aneignen. Aber wer soll dieses System zerstören, müssen wir fragen, seitdem das Dogma, daß ein Kapitalist den anderen verschlingen wird, bis keiner mehr übrig sein wird, uns nicht mehr genügt und befriedigt, wie bisher die Sozialdemokraten? (...)
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Aus dem Nachwort von 1922:
Das Vorstehende ist die Übersetzung der Niederschrift eines im November 1899 in der Londoner Freedom Discussion Group gehaltenen Vortrags, der dann in dieser Form von der Freedom Group auch der internationalen anarchistischen Konferenz in Paris im Oktober 1900 vorgelegt wurde und in der Reihe der Berichte derselben französisch erschien. Durch Aufnahme in die Serien Freedom Pamphlets und Publications des Temps Nouveaux, durch spanische, italienische, russische Übersetzungen, durch mehrfache zustimmende Durchsprechung der Idee durch französische Syndikalisten und Anarchisten wurde die Hauptidee, die Bekämpfung unsozialer Arbeit, mindestens in anarchistischen Kreisen ziemlich bekannt und hat, soviel ich weiß, keine verwerfende Kritik erfahren; vielmehr freute man sich, auf viele vereinzelte Fälle, die den spontanen Beginn der von mir angeregten Taktik an den verschiedensten Orten zeigen, hinzuweisen und das Wünschenswerte der Verallgemeinerung dieses Vorgehens hervorzuheben. Übrigens sind ähnliche Ideen von selbst in der antimilitaristischen Bewegung aufgetaucht, indem das Verlangen nach Verweigerung des Kriegsdienstes logischerweise auf das Verlangen der Unterlassung der Waffenproduktion durch die Arbeiter ausgedehnt wurde – man weiß, welche Bemühungen gemacht wurden und welchen Erfolg sie hatten. (...) Jede einer uneigennützigen und freiheitlichen Initiative entspringende Bewegung stellt von selbst ähnliche Forderungen möglichst sozialer Betätigung auf, und so kann die Idee als solche keine ganz fehlerhafte sein.
Nur mit der wirklichen Durchführung derselben sieht es heute ebenso traurig aus, wie vor 25 Jahren; ferner geht die gewerkschaftliche, auch die syndikalistische Bewegung nach wie vor andere Bahnen, obgleich gelegentlich das Argument der zu vermeidenden antisozialen Arbeit benutzt wird. Aber nur in völlig zufälliger Weise; heute werden in einem Streik die antisozialen Praktiken der Unternehmer entlarvt und an den Pranger gestellt, während den nächsten Tag ein anderer Streik völlig jede Rücksicht auf die Interessen der Allgemeinheit außer acht läßt und diese mit zu berücksichtigen für unmöglich erklärt. Die Arbeiterpresse wird jeweilig den einen oder anderen Standpunkt mit derselben Energie vertreten. Denn der Sieg der Arbeit gilt als das höchste und einzige Ziel, dem je nach den Umständen die eine oder andere Taktik, Anerkennung oder Negierung der Interessen der Allgemeinheit, als Mittel untergeordnet wird. Die letztere Taktik ist die überwiegende; die Sabotage-Idee, ihre Theorie und praktische Anwendung blühen, während die Versuche der Betätigung und Erweckung sozialer Gefühle auf diesem Gebiet in den Anfängen stecken. (...)
Für veraltet halte ich den Gegenstand, für den noch so wenig geschehen ist, nicht, im Gegenteil, für aktueller als je. Haben wir nicht fast acht Jahre des furchtbarsten antisozialen Vorgehens aller hinter uns und eine trübe, vielleicht wirklich hoffnungslos schon im Keim angefressene Zukunft gleicher und schlimmer Art vor uns? Es ist pharisäische Rabulistik, die Schuld von der Mitschuld zu trennen und uns alle auf beiden Seiten als verantwortungslose Opfer hinzustellen, während seit acht Jahren das Sinnen und Trachten aller auf allen Seiten ein antisoziales war und ist. Die Faust im Sack machen und nachträglich klug reden ändert daran gar nichts. Es sind genug revolutionäre Aktionen gemacht worden, aber eine Revolution aus wirklich sozialem Gefühl heraus ist mir nicht bekannt. Der sich betätigende Idealismus einzelner, den wir bewundern, stand stets dem starren Beharren der ungeheuren Masse auf dem konventionellen Standpunkt gegenüber. So ist es noch heute.
Die Masse will vor allem sicher gehen; darum hält sie am jetzigen System, das sie kennt, fest; darum will sie höchstens in ein fertiges neues System, das ihr Organisationen und Führer vorsetzen, hineinspringen, nicht aber aus sich selbst heraus etwas tun und leisten, etwas wirklich aufs Spiel setzen. Vom Obrigkeitsstaat der Junker und Kapitalisten in den Obrigkeitsstaat der Sozialdemokraten oder Kommunisten schnell hinein – das scheint ihr das sicherste zu sein. Das ist dem einzelnen in der Masse nicht einmal zu verdenken; denn er hat durch bittere Erfahrung gelernt, daß er ein armes Luder ist und bleibt, ob nun der Junker und Pfaffe oder der Parteiparvenue und kommunistische Volkskommissär die Knute schwingt. Es ist trostlos zu sehen, in welchem Grade der Sozialismus seine geistige, moralische, ästhetische Anziehung und Werbekraft verloren hat und nur stumpf als unvermeidliches Übel erwartet wird, dem ein grauenhafter Niedergang wie in Rußland folgen müsse.
Demgegenüber muß jede Anstrengung gemacht werden, den Sozialismus wieder als das idealste und zugleich das natürlichste und selbstverständlichste Ziel der Menschheit erscheinen zu lassen, und das kann nur geschehen, wenn ihm der strahlende Glanz wirklicher Freiheit und echter Solidarität so in den Augen vieler und aller umgibt, wie dies in unserer Auffassung als Anarchisten immer der Fall war und sein wird. Ich schätze die Auffassung der einfachen Masse durchaus nicht zu gering, ich sehe, daß es ebenso leicht sein mag, sie in das, was man jetzt Kommunismus nennt, hineinzutreiben, wie in den Krieg – aber alles nur, weil sie sich ohnmächtig fühlt und ein wirklich gleichzeitig ideales und praktisches Ziel noch nie gehabt hat. Der Anarchismus kam ihr nicht zu Ohren und war manchmal zu doktrinär; der landläufige Sozialismus war ihr aber lange nicht gut genug, und das mit vollem Recht. Wir müssen also nicht nur alles nicht freiheitliche und nicht solidaristische von diesen Ideen fernhalten, sondern auch einerseits dieselben in Verwirklichungsversuchen der verschiedensten Art beständig der Mitwelt vorführen, andererseits in den Menschen selbst den Trieb freiheitlicher und sozial nützlicher Betätigung erwecken, den heute die Disziplin und die eingelernte soziale Verantwortungslosigkeit des einzelnen einfach ersticken. Dies kann auf vielfachste Art geschehen, eben deshalb wohl auch durch durch den in dieser Schrift angeregten Protest des einzelnen und größerer Gruppen, schließlich aller, gegen unsoziale, schädliche oder unnütze Arbeit, die von ihnen verlangt wird.
In unserer Zeit der Verwüstung und des Mangels ringt sich bei allen Denkenden eine ungemeine Achtung der Arbeit durch, die so viele Schäden wieder heilen kann, nebst einer Verachtung des staatlichen, kapitalistischen, kommunistischen Parasitentums, das sich der wirklichen Arbeit als Zwingherr und Blutsauger aufzwingt. Wenn sich daher die Arbeit zu ihrer reinsten, sozial nützlichsten Form erhebt und gleichzeitig alle in den Menschen schlummernden freiheitlichen Triebe durch tätiges Beispiel erweckt werden, dann sind für eine Überwindung der auf dem Gipfel der Unerträglichkeit gelangten Hindernisse des Fortschritts, des Staates, des Kapitalismus und des Pseudo-Sozialismus (der es so schnell verstand, jenen beiden anderen Übeln an Größe gleichzukommen) heute vielleicht bessere Bedingungen vorhanden, als je zuvor. Dann – aber auch nur in diesem Fall......
In diesem Sinne möge diese Anregung auch in ihrer erstmaligen deutschen Form einige Beachtung finden.

