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Alles ganz normal... oder nicht?

Heidis Überlegungen zu Fragen der Demokratie und Toleranz

28.07.2013

Project Management meets Procurement

von Heidi Pham — Letzte Änderung 28.07.2013 15:01

Heutzutage muss ja alles Englisch sein und drum hab ich hier mal gleich den Titel richtig up-to-date formuliert! Aber keine Sorge, ich bin immer noch dieselbe und ich schreibe hier lediglich über meine neuesten Erfahrungen im Jahr 2 n.N. (nach NSN) – ein kleiner Ausflug in die Welt des strategic procurement, nicht weltbewegend, vielleicht auch nicht unbedingt karrierefördernd, aber auf jeden Fall sehr lehrreich!

Was macht man, wenn man sich in einer Transfergesellschaft halb zu Tode langweilt, diese ganzen Workshops und pipapo einfach nicht mehr sehen kann, aber kein wirklich guter und dauerhafter Job in Sicht ist? Naja, da kann man dann auch mal eine befristete Anstellung für ein Vierteljahr akzeptieren (an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an die Verhandlungskommission für das ausgehandelte Rückkehrrecht in die NSN TG) und sich für ein paar Monate auf Entdeckungsreise in die unbekannten Weiten des Einkaufs einer bekannten Firma begeben.

Den Kollegen muss ich ja nicht sagen, dass ich mich einstmals „Project Management Assistant“ oder auch mal „Program Management Assistant“ und zuweilen auch „Project Assistant“ nennen durfte. Eine weitere Variation dieses schier unerschöpflichen Themas war „Project Controlling Assistant“. Diese Wortungetüme habe ich lieber nicht in dem Lebenslauf verewigt, den ich dieser Bewerbung beifügte – man will ja die Leute nicht mit Titeln erschlagen, sondern einfach nur was Vernünftiges arbeiten!

Ja, so trat ich dann vor gut drei Monaten meinen Dienst in der Einkaufsabteilung einer Münchner Traditionsfirma an und war erst mal gespannt, was da wohl auf mich zukommen würde. Aushilfe im Einkauf, weil vorübergehend mehr Arbeit anfiel als üblicherweise und die Stammbelegschaft tatkräftige Unterstützung brauchte – na dann mal los, ran an SAP/R3 und gucken ob ich damit noch umgehen kann. Die Kollegen wussten, dass ich etwas aus der Übung war und zeigten sich verständnisvoll und hilfsbereit.

„Schaun’s her, so geht des, na geh, ja kreizkruzifix, warum geht jetz des Glump ned?“ Der vertraute Klang meiner bayerischen Muttersprache, die altgewohnten Tücken des SAP/R3, dazu eine Mannschaft, die mich herzlich aufnahm und mich nie spüren ließ, dass ich ja „nur“ die Aushilfe von der Zeitarbeitsfirma war – das war genau das, was ich brauchte, um nicht in der NSN-TG-Depression zu versinken!

Allerdings erwies sich meine Annahme, SAP/R3 sei die größte Herausforderung für mich, als irrig. Da gab’s ja noch die Lieferanten auf der einen Seite und die anspruchsvollen Kollegen auf der anderen Seite. Letztere hatten reihenweise Sonderwünsche, die umgehend zu erfüllen waren, Erstere hatten verständlicherweise nicht immer alles auf Lager, was da ruck-zuck beschafft werden sollte. So gesehen, war die Arbeit im Einkauf gar nicht so viel anders als meine frühere Tätigkeit im Projektmanagement. Immer wieder Termine kontrollieren, ausstehende Lieferungen anmahnen, verärgerte Kollegen beruhigen und gelegentlich mal hinter einem verschollenen Kühlschrank oder einem verschwundenen Kabel hinterher telefonieren – langweilig wurde mir nie!

Schon seltsam, kaum wird es richtig heiß, da kommen aus allen Richtungen Anforderungen nach Ventilatoren. Und wie es der Zufall will, werden genau dann die Lieferzeiten für Ventilatoren immer länger… Ja, wer hätte das gedacht, da wär ich nie im Leben von selber draufgekommen!

Eines steht jedenfalls fest: Ganz egal, wohin es mich verschlägt, ganz egal was ich beruflich in Zukunft mache, nie wieder werde ich meckern, weil der Einkauf einfach zu blöd ist, um rechtzeitig die gewünschte Ware liefern zu lassen! Das haben diese dreieinhalb Monate auf jeden Fall bewirkt, und allein dafür hat es sich gelohnt. Verständnis und Toleranz sind die Grundpfeiler des menschlichen Zusammenlebens, und nichts fördert diese beiden Eigenschaften mehr als eigene Erfahrungen. Einmal selbst erlebt ist mehr wert als hundertmal gehört oder gelesen!

29.09.2012

Transfermappe vs. Zukunftsplaner

von Heidi Pham — Letzte Änderung 29.09.2012 20:35
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Es gibt so viele verschiedene Menschen, es gibt Alte und Junge, es gibt Gebildete und Bildungsferne, es gibt Arme und Reiche - außerdem gibt es noch die mit der Transfermappe und die mit dem Zukunftsplaner. Meine sehr verehrten Damen und Herren, bitte folgen Sie mir in die wunderbare Welt von Samira (Name geändert) und Heidi (Name nicht geändert)!

Samira ist 15 Jahre alt, ich bin 50 Jahre alt. Samira ist Humankapital mit Migrationshintergrund, wie man an ihrem fremdländischen Namen gut erkennen kann. Ich bin Humankapital mit Pseudo-Migrationshintergrund, denn meinen fremdländischen Familiennamen habe ich erst bei der Heirat angenommen.

Samira ist in der 8. Klasse einer Mittelschule (früher Hauptschule genannt) im Münchner Norden und soll in den kommenden zwei Jahren fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden. Ich bin in der Nokia Siemens Networks Transfergesellschaft und soll in den kommenden anderthalb Jahren ebenfalls fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden. Samira bekommt von der Stadt München einen Zukunftsplaner, ich habe eine Transfermappe von Siemens Placement. Beide sind, ganau besehen, eigentlich nur Aktenordner mit Papier drin.

Der Zukunftsplaner sticht förmlich ins Auge: Schwarz mit leuchtenden Neonfarben, grelles Gelb und Giftgrün. Jeder soll sehen: Hier wird Zukunft geplant! Darauf kann man stolz sein! Die Transfermappe ist sehr dezent gestaltet, weiß mit einem schlichten Rückenschild "Transfermappe". Weiter nichts. Soll ja nicht gleich jeder sehen, dass da jemand transferiert wird... da muss man sich ja genieren...

Drinnen in den beiden Aktenordnern befinden sich z. B. Bewerbungsschreiben für Arbeits- bzw. Ausbildungsplätze oder Praktika und ein Lebenslauf, wobei der in der Transfermappe aus naheliegenden Gründen etwas umfangreicher ist als der im Zukunftsplaner. Dafür sind die Bewerbungsschreiben im Zukunftsplaner origineller.

Sowohl im Zukunftsplaner wie auch in der Transfermappe werden Wünsche und Ziele dokumentiert, Potential wird analysiert, die Traumkarriere wird anvisiert. Samira und ich, wir haben beide klare Ziele für unsere berufliche Zukunft vor Augen: Ich will eine neue Challenge, ich will meine Skills optimal einsetzen und lege Wert auf Work-Life-Balance. Samira will was Chilliges, das ordentlich Cash bringt. Ja ja, unsere Denglisch-Hausaufgaben haben wir beide brav gemacht!

Samira (die mit dem Zukunftsplaner) geht zu Info-Veranstaltungen des BIZ (Berufsinformationszentrum), ich (die mit der Transfermappe) nehme an Workshops in der BeE (Betriebsorganisatorisch eigenständige Einheit) teil. Ob wir mal tauschen sollten? Würde das jemandem auffallen?

31.03.2012

Das Experiment (eine Kurzgeschichte)

von Heidi Pham — Letzte Änderung 31.03.2012 00:20
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Diesmal eine kleine Kostprobe meines literarischen Talents, Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden Personen oder Firmen sind natürlich rein zufällig. Der Leser soll ermutigt werden, sich alternative Handlungsstränge zu überlegen und evtl. auch eine Fortsetzung zu schreiben.

Gewerkschaften sind schon wirklich lästig. Meine Güte, was die alles verlangen: Faire Leiharbeit, unbefristete Übernahme von Auszubildenden, keine prekären Arbeitsverhältnisse, und und und... Ja, wo kämen wir denn da hin, wenn die so weitermachen.

Also muss man denen irgendwie das vorlaute Maul stopfen. Diese Gewerkschaftler müssen mal so richtig auf die Schnauze fliegen, aber mit Karacho, damit sie nicht so schnell wieder auf die Beine kommen.

Aber wie? Hm, da muss jetzt ein ausgefeilter Schlachtplan her. Psychologische Kriegführung ist angesagt! Erst mal gucken, welche Gewerkschaft wir für unser Experiment auswählen. Nehmen wir die IG Metall? OK, dann starten wir einen Pilotversuch mit den Metallern!

Der Versuchsaufbau ist nicht allzu aufwändig. Eine marode, durch Missmanagement an den Rand der Pleite getriebenen Firma (Speziell der Betrieb am Standort München) bietet ideale Rahmenbedingungen sowie bestens geeignete und den Experimentatoren teilweise bereits bekannte Versuchspersonen:

  1. Ein IGM-dominierter Betriebsrat
  2. Ein bereits seit über 10 Jahren bestehendes, gewerkschaftskritisches Mitarbeiternetzwerk
  3. Eine durch häufige Umorganisationen und Abbauwellen demotivierte Belegschaft

Dann kann's ja losgehen!

Schritt 1: Die Belegschaft mürbe machen mit vagen Ankündigungen, am besten vor Weihnachten, um ihnen die Feiertage zu verderben.

Schritt 2: Wenn sie so richtig am Zittern sind, mit dem großen Hammer zuschlagen. Der Standort München wird geschlossen (und gleich noch 29 weitere dazu), das ist alternativlos. Mindestens 2000 Leutchen (oder mehr?) verlieren ihren Job, und 1600 (oder weniger?) müssen umziehen. Und nur ja nichts genaues verlauten lassen, wer rausfliegt und wer umziehen muss und wohin. Die sollen ordentlich im eigenen Saft schmoren und sich total verrückt machen; mal sehen, ob sie reagieren wie gewünscht.

Schritt 3: Sie reagieren tatsächlich wie erwartet mit verzweifelten Hilfeschreien in Form von Mahnwachen, Demonstrationen und allerlei bunten, lustigen Aktionen. Organisiert wird das von der IGM, was bei der aufgeschreckten Belegschaft zu einem positiven Eindruck von der Gewerkschaft führt. Sogar das Mitarbeiternetz geht eine Allianz mit der IGM ein und rät zum Beitritt.

Schritt 4: Wie von den Leitern des Experiments gewünscht, treten nun scharenweise Mitarbeiter in die IGM ein, um der Gewerkschaft Verhandlungen mit der Betriebsleitung zu ermöglichen bzw. um ihr für solche Verhandlungen ordentlich den Rücken zu stärken. Sogar leitende Angestellte tragen auf einmal diese unsäglichen roten Käppis und tröten und pfeifen, bis man fast taub wird. Das lassen wir mal, sagen wir, etwa 2 Monate lang so weitergehen. Die sollen sich jetzt so richtig austoben und Hoffnung schöpfen, die von der IGM geschürt wird.

Schritt 5: Nun mit dem Metallern verhandeln. Eine Kommission darf nun einen Kompromiss aushandeln, mit dem natürlich nicht jeder einverstanden sein wird. Durch die wochenlangen Aktionen wurde eine aufgeheizte, geradezu euphorische Stimmung in weiten Teilen der Belegschaft erzeugt. Die sehen sich nun als tapfere, unbesiegbare Helden und sind zu keinerlei Verzicht mehr bereit. Wozu haben sie schließlich den ganzen Zirkus aufgeführt?

Schritt 6: Die große Ernüchterung setzt ein, sobald die ausgehandelten Eckpunkte verkündet werden. Soviel Arbeit, soviele Ideen, soviel Fantasie und Kreativität, soviel Unterstützung von Politikern und Prominenten, soviel Hoffen und Mutmachen - und nun dieses magere Eckpunktepapier? Nein, das ist nicht akzeptabel! Ohne die Schritte 3 und 4 sähe das vielleicht anders aus, aber so funktioniert es wie von den Leitern des Experiments gewünscht.

Schritt 7: Sie streiten wieder, hurra! in anonymen Internetforen wird kräftig auf die IGM und den Betriebsrat geschimpft, da ist von Verrat die Rede, es wird zum Austritt aus der Gewerkschaft aufgerufen, da diese ja doch mit der Geschäftsleitung paktiert und sich eine Dreck um die einfachen Werktätigen schert.

Schritt 8: Setzen wir noch eins drauf. Nun machen wir klar, dass der mühsam ausgearbeitete Plan B keineswegs sicher ist, es kann auch schiefgehen, falls die Abbaukandidaten nicht brav in die BeE gehen, und dann tritt automatisch wieder Plan A (siehe oben) in Kraft. Damit werden die letzen intakten Nerven der strapazierten Belegschaft endgültig blankgelegt und Gewerkschaft sowie Betriebsrat zum Abschuss freigegeben. Denn die haben das ja ausgehandelt!

Ergebnis: Die IGM ist gründlich diskreditiert, der Betriebsrat wird heftig attackiert, das Betriebsklima ist endgültig ruiniert. Das Experiment ist gelungen!

Oder?

23.02.2012

Kommunismus vs. Kapitalismus (2. Runde)

von Heidi Pham — Letzte Änderung 23.02.2012 14:32
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Nein, keine Sorge, ich hole jetzt nicht die zerschlissene, mottenzerfressene, rote Hammer-und-Sichel-Fahne vom Dachboden. Die will nun wirklich keiner mehr sehen. Und das alte, verwaschene Che-Guevara-T-Shirt ist mir ohnehin längst zu eng geworden, sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne.

Machen wir erst einmal um eine kurze Bestandsaufnahme. Wie verlief der Kampf Kapitalismus vs. Kommunismus bis jetzt? Im Kalten Krieg, also bis Ende der 80er Jahre, waren die Fronten klar definiert: Hier herüben im Westen die Kapitalisten, da drüben im Osten die Kommunisten. Bei uns im "Goldenen Westen" trieb sich allerlei rotes Gesindel herum, natürlich gesteuert von der Kommunistischen Internationale (Komintern). Ja, ich gebe zu, von denen war ich auch mal ganz entzückt und ich schwenkte so ein rotes Fähnchen, um meine Solidarität mit dem unterdrückten, ausgebeuteten Proletariat zu bekunden.

Mein Vater, Gott hab ihn selig, machte mich darauf aufmerksam, dass bei uns ja, genau besehen, gar niemand unterdrückt oder ausgebeutet wurde. Und da war was dran. Wir waren gewiss nicht reich, aber wir hatten immer genug zu essen und was Ordentliches zum Anziehen. Und immerhin, ich konnte meine rote Fahne schwenken, ohne hinter Schloss und Riegel zu verschwinden. Den Verwandten im real existierenden Sozialismus ging es wesentlich schlechter.

Der häufig geäußerten Aufforderung "Dann geh doch nach drüben!" leistete kaum jemand Folge. Wir blieben alle doch lieber hier bei den *PIEP* Kapitalisten.

Schließlich kam es wie es kommen musste: Der Ostblock brach zusammen, die Berliner Mauer wurde abgerissen, das westliche System hatte gesiegt. Freiheit, Demokratie und Wohlstand für alle! Darauf ein dreifach Hoch!

Naja, bloß dass damit die Geschichte noch nicht zu Ende ist. Die ging ja bekanntlich noch weiter. Wie sieht es jetzt aus, gut zwei Jahrzehnte nach dem Ende der "roten Gefahr"? Hat sich zusammen mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem auch überall die Demokratie durchgesetzt, wie es sich gehört?

Schauen wir erst mal nach Russland. Der Russe war ja der Kommunist schlechthin, der Bolschewist vom Dienst! Nun, die Wirtschaft hat sich ganz schön gemausert. Eingesperrt sind die Russen nicht mehr, sie dürfen reisen, wohin sie wollen - wenn sie es sich denn leisten können. Aber ist nun ein gewisser Wladimir Putin wirklich so viel demokratischer als ein gewisser Wladimir Uljanow, genannt Lenin?

Nun mal ein Blick nach Ungarn, wo der Kommunismus ebenfalls den Bach runtergegangen ist. Ich möchte Victor Orban nicht gerade als Demokraten par excellence bezeichnen! Von Pressefreiheit hält der bekanntlich nicht besonders viel.

Schließlich noch ein Abstecher in den Fernen Osten, nach Vietnam. Ja, das ist da, wo dieser Typ mit dem Ziegenbärtchen sein Unwesen trieb, der, bei dessen Namen man unwillkürlich "Gesundheit!" sagen wollte: Ho Tschi Minh. Auch in Vietnam hat der Kapitalismus Fuß gefasst. Die Wirtschaft wächst in einem Tempo, von dem wir in Europa nur träumen können. Und der Tourismus kommt langsam in die Gänge.

Aber es gibt in Vietnam nach wie vor nur eine einzige Partei, jegliche Opposition wird im Keim erstickt. Das muss so sein, denn ausländische Investoren, sprich: Kapitalisten, wünschen Stabilität und langfristige Perspektiven. Nicht zu vergessen die herrlich niedrigen Löhne! Also lieber kein demokratisches Mehrparteiensystem, sonst laufen - Gott bewahre! - irgendwann in Vietnam die Gewerkschaftler frei herum und organisieren Protestaktionen wir hier in München bei NSN.

Und überhaupt, was soll denn der Chinese denken, wenn direkt vor seiner Haustür die Demokratie ausbricht? Womöglich ist das ansteckend, igitt!

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Gleichung "Marktwirtschaft ist gleich Demokratie" geht leider nicht auf!

18.12.2011

Es weihnachtet mal wieder!

von Heidi Pham — Letzte Änderung 18.12.2011 21:15
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Bald ist wieder Weihnachten, und da will man natürlich etwas Gutes tun. Am liebsten für arme Kinder, denn die sind ja sooo süüüüß! Früher musste man solche Kinder noch in Afrika, Asien oder Lateinamerika suchen, aber heute, dank der Globalisierung, gibt es auch hier in München ein ausreichendes Kontingent an hilfsbedürftigen Kindern.

Ja, in München wird viel getan für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Es gibt den Lichtblick Hasenbergl http://www.lichtblick-hasenbergl.org/, es gibt den Verein Ghettokids http://www.ghettokids.org/, es gibt alle möglichen Auffangstationen für aus dem Nest gefallenen Nachwuchs. Was da nicht alles geboten wird: gesundes Essen, Hausaufgabenhilfe, warme Kleidung für den Winter, Schulsachen, Bücher, Spielzeug, sogar Ausflüge werden unternommen. An manchen Schulen gibt es sogar schon ehrenamtliche Betreuer, die den Schülern der unteren Klassen am Nachmittag bei den Aufgaben behilflich sind, weil kein qualifiziertes Personal dafür eingestellt werden kann. Ist das nicht rührend?

Dafür müssen die Kinder dankbar sein, denn ihre Eltern können das alles nicht leisten. Sie sind arbeitslos oder im Niedriglohnsektor beschäftigt. Manche arbeiten bei Zeitarbeitsfirmen und müssen sehr flexibel sein. Da bleibt ihnen kaum Zeit, sich ausreichend um die lieben Kleinen zu kümmern. Und dazu die ständige Angst, den Job zu verlieren, weil mal wieder "restrukturiert" wird. Oder, wenn man Arbeit sucht, der frustrierende Bewerbungs-Marathon, eine Bewerbung nach der anderen, und eine Absage nach der anderen, oder einfach gar keine Antwort. Und wenn es doch mal klappt, dann nur befristet oder bloß ein Minijob oder eben eine Leihfirma, wo man nie genug verdienen kann, um eine Familie zu ernähren.

Aber das ist alles nicht so schlimm, denn für die "sozial benachteiligten" Kinder gibt es ja, wie wir sehen, vielfältige Hilfsangebote! Wer also armen Kindern etwas Gutes tun möchte, kann entweder spenden oder ehrenamtlich mitarbeiten. Und wer dafür sorgen will, dass der Nachschub an "sozial benachteiligten" Kindern nicht ausgeht, muss sich für unsere bewährte neoliberale Politik einsetzen, damit auch weiterhin fleißig restrukturiert, transformiert, optimiert und reorganisiert wird!

04.09.2011

Gute Partnerschaft

von Heidi Pham — Letzte Änderung 04.09.2011 21:10
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Gar nicht so einfach, wenn man einerseits wirtschaftlich und technologisch offen und aufgeschlossen sein will, aber auf keinen Fall eine politische Öffnung riskieren will. Da muss man seine Partner schon mit Bedacht auswählen.

Warum legt nun die chinesische Führung so großen Wert auf intensive Zusammenarbeit mit deutschen Firmen? Klar, die Antwort kennt doch jedes Kind: Weil Deutschland über eine solide Wirtschaft verfügt und weil deutsche Fachkräfte erstklassig sind - bestens ausgebildet, hoch innovativ, motiviert und leistungsfähig. Solche Leute muss man mit an Bord holen, wenn es aufwärts gehen soll. Und dazu sind unsere Leute auch noch tolerant, aufgeschlossen, ohne Vorurteile und stets bereit, zu lernen und sich anzupassen.

Aber ich habe mir da ein paar ganz eigene Gedanken gemacht. Ich stelle mir vor, ich bin ein chinesischer Parteikader auf der Suche nach Partnern in Europa, die unsere einheimische Wirtschaft voranbringen, aber auf gar keinen Fall irgendwelche schädlichen Ideen ins Land tragen sollen. Also technisch versierte Fachkräfte, die auf ihrem Gebiet Spitzenleistungen vollbringen, aber nicht kritisch denken, sondern einfach brav alles so akzeptieren, wie es ist.

Da würde ich mir mal einen kurzen, oberflächlichen Überblick über die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert verschaffen und dabei über eine Epoche stolpern, in der Deutschland von einem größenwahnsinnigen Tyrannen regiert wurde, der nur durch ein massives Militäraufgebot unter hohen Verlusten gestoppt werden konnte. Die Deutschen selbst machten erstaunlich brav alles mit. Es gab eigentlich wenig Widerstand im Inneren, und wer tatsächlich aufmuckte, wurde ruck-zuck kaltgestellt. Die große Mehrheit der Deutschen tat einfach, was nötig war, um für sich selbst und die eigene Familie zu sorgen. Sie traten in die Partei ein, weil es eben so üblich war und außerdem war es gut für die Karriere. Sicher war einigen (oder sogar vielen) das, was der "Führer" trieb, nicht so ganz geheuer, aber sie arrangierten sich irgendwie und kamen zurecht.

Ich folgere daraus, dass dieser Dings, dieser Hitler letztlich an seinen kühnen Eroberungsplänen scheiterte. Er hatte sich zuviel auf einmal vorgenommen und seine Armee war dem Feind nicht gewachsen. Aber wenn er diesen Krieg, den er nicht gewinnen konnte, nicht angezettelt hätte, dann wäre seine Partei heute noch an der Macht und international anerkannt.

Nach dem verlorenen Krieg wurde ein Teil Deutschlands sozialistisch, bekam also ein vernünftiges Regierungssystem, nur eben leider wirtschaftlich total daneben. Der andere Teil wurde von den Westmächten in eine Demokratie umgeformt, egal ob die Leute das wollten oder nicht. Naja, was blieb ihnen anderes übrig, als das Theater mitzumachen, denn nur so kamen sie in den Genuss üppiger Aufbauhilfen aus den USA. Kann man irgendwie verstehen, die Wirtschaft ist schließlich das Wichtigste, alles andere ist nebensächlich.

OK, irgendwas war da in Deutschland 1989, irgendwelche Demonstrationen auf einem öffentlichen Platz, genau in dem Jahr als bei uns auch so was war, in Beijing, auf dem Platz des Himmlischen Friedens, aber darüber spricht man nicht, das gehört sich nicht. Also lassen wir auch die Vorgänge in Deutschland 1989 außen vor.

Fazit: Mit den Deutschen kann eigentlich gar nichts schiefgehen, die sind ideale Partner für technologische Innovationen ohne Gefahr für die Stabilität unseres bewährten Regierungssystems. Und siehe da, es funktioniert. Die Deutschen bemühen sich eifrig, unsere Regeln, also die Regeln einer Diktatur, zu befolgen. Sie akzeptieren ohne zu murren, dass demokratische Propaganda bei uns unerwünscht ist. Und irgendwann werden sie bestimmt auch für ihre eigene Heimat so ein stabiles politisches System mit langfristigen Perspektiven haben wollen!

14.08.2011

Wandel durch Handel - wer verwandelt wen?

von Heidi Pham — Letzte Änderung 14.08.2011 22:32
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Manche glauben, die Geschichte muss sich wiederholen, aber sie kann auch anders...

Durch intensive Handelsbeziehungen soll die Volksrepublik China zu einer Demokratisierung veranlasst werden. Das sieht jedenfalls unsere Frau Bundeskanzlerin so: Wenn die Regierung in Beijing unser mustergültiges Staatswesen erst einmal genauer kennenlernt, dann wird sie es sicherlich kopieren wollen. Sonst könnte es ja passieren, dass China zusammenbricht wie einst der ganze Ostblock einschließlich der mächtigen Sowjetunion.

Schauen wir uns das mal genauer an. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Vorhersage eintrifft? Nun, damals in den späten 80er Jahren war die Sowjetunion wirtschaftlich und technologisch am Ende, und auch ihre Satellitenstaaten waren nicht besser dran. Eine Öffnung zum erfolgreichen Westen hin (wirtschaftlich und politisch) schien da die beste Überlebensstrategie.

Aber heute? Wer pfeift hier auf dem letzten Loch und wer hat Devisenreserven ohne Ende? Wo wächst die Wirtschaft wie verrückt, wo liegt sie darnieder? Warum sollte man denn ein System, dass läuft wie geschmiert (Witz komm raus...) eintauschen gegen eins, das offensichtlich komplett versagt hat? Im "goldenen Westen" gibt es Aufstände und Anschläge, Unzufriedenheit und Wut, wo man hinschaut, da sieht doch China wirklich besser aus - oder nicht?

Nun wollen wir mal kurz checken, wie es um die Achtung der freiheitlich-demokratischen Grundwerte bei uns aussieht. Man kann ja so ein System nur exportieren, wenn man selber davon überzeugt ist und leidenschaftlich dafür eintritt. Das leuchtet doch ein, oder? Hm... wie war das nochmal mit den Panzern für Saudi-Arabien? Und mit den Patrouillen-Booten für , für, äh, wo war das nochmal? Irgendwo in Afrika, ach was soll's, Hauptsache es sichert Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir immer so kleinlich wären bei unseren Exporten.

Vielleicht liefern wir eines Tages auch Panzer nach China, falls mal wieder jemand Fisimatenten machen sollte auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Und was nun die Top-Manager in den großen deutschen Konzernen angeht, die schwärmen ja in einer Tour von den Chancen, die uns der chinesische Markt bietet. Ein Wachstumsmarkt, an dem man nicht vorbeikommt. Ein riesiger Kuchen, von dem wir Deutschen uns ein möglichst großes Stück abschneiden sollten. Ja, das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" liegt schon längst nicht mehr im Westen, sondern im Osten! Da darf man sich nicht unbeliebt machen, sonst holt sich jemand anders das Kuchenstück.

Nun gucken wir mal, wie es mit dem kulturellen Austausch aussieht. Studenten und Berufstätige sollen nach China gehen, um ihren Horizont zu erweitern und die geschäftliche Zusammenarbeit zu fördern. Dafür erhalten sie selbstverständlich ein vorbereitendes interkulturelles Training, das sie mit den Besonderheiten der chinesischen Kultur vertraut macht. Das wird in diesem Artikel gut beschrieben:

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,779070,00.html

Klar, man muss sich anpassen und Rücksicht nehmen auf die "Konsenskultur"! Unpolitisch tun, das ist die Zauberformel für den Erfolg. Man kann es weltoffen, tolerant, sensibel und empathisch nennen. Mir liegt da eher das Wort "Mitläufer" auf der Zunge. Für die Karriere ist so eine Haltung mit Sicherheit ideal. Wer schon als Student eindeutig unter Beweis stellt, dass er garantiert niemanden mit dem gefährlichen Demokratie-Bazillus infiziert, der ist später als Leiter einer Niederlassung einer deutschen Firma herzlich willkommen.

Um nochmal auf die Frage in der Überschrift zurückzukommen: Die ist ja nun eindeutig beantwortet!